Phantasie statt Hass

April 8, 2022 Von Andrea Downey-Lauenburg

Betero. So heißt unser neuer Seemann. Ein echter Kiribatanier, oder wie das heißt. (Kiribati? Kiribataner?) Wir werden langsam wirklich international. USA, Deutschland, Kiribati, Australien, UK: Die Reisepässe, die wir zukünftig beim Zoll präsentieren müssen, erinnern ein wenig an ein magisches Kartenspiel.

Apropos Magie: Manchmal frage ich mich, ob es wirklich noch Menschen gibt, die lesen können (oder wollen). Lesen ohne bildliche Unterstützung, meine ich. Wie weit ist unsere Phantasie, dank der allgegenwärtigen Sozialen Medien schon degeneriert? Werden Bücher ohne Bilder eigentlich noch verstanden? Ein Buchcover ohne Foto oder zumindest ohne graphische Illustration ist schon lange nicht mehr denkbar. Warum eigentlich? Denn die Bilder auf den Covers haben zu fünfundneunzig Prozent nicht das Geringste mit dem Inhalt zu tun. (Meine Buchcover sind eine löbliche Ausnahme. Zumindest meistens, ich schwöre! Wobei auch ich mittlerweile mehr und mehr dazu übergehe, den Sinnbezug der schicken Fassade zu opfern, wie man unschwer an den geänderten Covern meiner second edition Ausgaben sehen kann. Aber zumindest bleibe ich noch einigermaßen dicht am Thema.)

Das mit der Phantasie ist ohnehin so ein Thema. Meinen ersten Roman (Anna von England) habe ich noch mit unendlich vielen beschreibenden Sprachbildern geschmückt, während ich mittlerweile dazu übergegangen bin, mehr Wert auf die sprachlichen Interaktionen zu legen und die optischen Eindrücke mehr und mehr der Phantasie der Leser zu überlassen. Ich könnte jetzt Beispiele aus der übrigen Literatur heranziehen, doch ich möchte mich nicht auf das schmale Brett begeben, mich mit bekannteren Autoren zu vergleichen. Mir gefällt der Stil von meinen neueren Romanen (Irren ist lesbisch, J. – Forever) eindeutig besser. Dass sie gekauft werden zeigt mir, dass die Phantasie deutscher Leser doch noch nicht ganz tot ist.

Anspruch und Wirklichkeit

Trotzdem – und darum geht es mir in diesem Text eigentlich: Würde ich meine Texte hier in meinem Blog und auf Facebook nicht mit möglichst plakativen Fotos schmücken, würde kaum noch jemand lesen, was ich hier schreibe. (Die Zahlen geben mir Recht.) Das wäre ausgesprochen schade, denn immer mal wieder ein paar Minuten den Alltag zu vergessen, kostet hier nichts. Auch nicht, sich darüber Gedanken zu machen was von dem, was hier steht, Realität und was Fiktion ist.

Egal was meine Leser glauben: Es wird auch weiterhin nur hie und da ein Originalfoto zum Thema geben, den Rest darf sich jeder selbst zurechtlegen. Ich bin hier nicht angetreten um fremden Mitmenschen etwas zu beweisen, sondern um mit meiner täglichen Schreiberei etwas Spaß zu haben, meine eigene Phantasie zu beflügeln, Ideen für neue Bücher zu entwickeln und gleichzeitig etwas Dokumentation für meine Nachwelt zu hinterlassen.

Manchmal fällt es allerdings ein wenig schwer, das gebe ich gerne zu. Es gibt Menschen, die glauben, sie hätten einen Anspruch darauf, dass ich ihnen etwas beweise. Man muss es sich vorstellen: Ich schreibe hier annähernd jeden Tag kostenlos aus meinem Leben (siehe oben) und es gibt Leute, die der Meinung sind, sie hätten einen Anspruch auf – ja auf was eigentlich?

Aber das scheinen die Zeichen der Zeit zu sein: Die Sozialen Medien suggerieren offenbar manchen Menschen, dass das Angebot der großen und kleinen Plattformen im Web zu den bürgerlichen Grundrechten gehören. (Genau wie es Leute gibt, die sich einbilden, der Besitz des Führerscheins wäre ein Bürgerrecht, statt in der Tat ein erworbenes Privileg, dass man bei Missachtung der anerkannten Regeln ganz schnell wieder verlieren kann.)

Marketing?

Und bevor mir jetzt einer mit der bescheuerten Aussage kommt, ich würde hier nur schreiben um Bücher zu verkaufen: Wenn das mein Ziel wäre, würde ich es mir garantiert nicht mit den meisten potentiellen Lesern verscherzen. Das wäre die dümmste Verkaufsstrategie überhaupt!

Meine Ansichten in vielen Bereichen sind garantiert kein Mainstream. Der moderne Feminismus ist mir ein Greuel, das Gendern halte ich für blanken Sexismus, erfunden und verbreitet von weltfremden Möchtegern-Gutmenschen, die keine eigenen Ideen zum Thema Frauenrechte haben. Die neuesten Entwicklungen im Bereich LGBT halte ich für kontraproduktiv und falsch, die #MeToo-Bewegung für völlig aus den Fugen geraten und zum Thema Mütterlobby will ich erst gar nicht anfangen!

Preisfrage: Würde es mir um den Bücherverkauf gehen, würde ich da nicht das übliche, ekelhafte, weichgespülte Firmenmarketing betreiben, das jedem potentiellen Kunden in den Arsch kriecht, bis die Scheiße aus den Ohren kommt, statt so ziemlich jede angeblich progressive gesellschaftliche Gruppe zu vergraulen? (Und nebenbei, liebe Impfgegner, Trumpjünger, Verschwörungsfanatiker, EU-Hasser und AfDler:  euch kann ich genausowenig ausstehen.)

Nein, ich bin nicht gegen alles, sondern für mehr Vielfalt und Verstand, statt für immer mehr Schleimerei, Spaltung und Hass.

Lesen ohne Fotos?